muc-hav-muc
cuba - alemania
huber willkoff taller lamothe
2010 2011
junge szene kuba
ausstellungsreihe 2011 in münchen und bayern
 
"Diese Ausstellung ist ein Sammelsurium" könnte man sagen. Aber man könnte auch sagen, dass diese Vielfalt der Stile und bildnerischen Äusserungen etwas mit "Leben" zu tun hat. Und genau das bildet sich in Kuba ab - jenseits von "guter" oder "schlechter" Kunst.

Die Künstler sind bei uns fast alle unbekannt. Aber wer kennt schon bei uns kubanische Kunst oder kubanische Künstler? Selbst Wilfredo Lam war dem Mitarbeiter eines renommierten Hauses in München völlig unbekannt. Eine grossartige Wilfredo Lam Retrospektive, die durch Spanien tourte, wurde so dem Münchner Publikum vorenthalten.

Natürlich, das ist bei uns bekannt, ist Kuba nicht das Land absoluter politischer und künstlerischer Freiheit.
Aber es ist - die Altvorderen aus DDR - Zeiten werden es in ihrer Verbohrtheit kaum glauben oder wahrhaben wollen - sehr Vieles moeglich, wenn es mit "Respekt" passiert.
Natürlich gibt es auch hier, wie überall in der westlichen Welt, die Kaste der Funktionäre mit ihren
Künstlerfreunden der gleichen Generation, die sich zuarbeiten und die so ein verzerrtes Bild von Kuba prägen, das nicht der Wahrheit entspricht und schon gar nicht die Vielfalt von Talenten wiederspiegelt.

Es ist bedauerlich und schade, wenn hier einseitig die Merkmale des kapitalistischen Kunsthandels kopiert werden, ohne dass man sich die damit verbundenen Gefahren für die "Freiheit der Künste" bewusst macht.

Kaum zu glauben, aber es gibt auch in Kuba Funktionäre, die Beuys buchstabieren können, wenn
es um die eigene Karriere geht. Ich wage zu bezweifeln, dass sie seine Botschaft verstanden haben oder überhaupt dazu in der Lage sind. Ein namedropping, so unangenehm wie in unserer kapitalistischen westlichen Welt, also gar nicht sozialistisch.

Bedauerlich auch hier, dass heimische Traditionen vernachlässigt werden, wenn sich der Blick "nach aussen" öffnet. Man käme bei diesem Thema vielleicht sogar auf die Idee, Kuba mit München zu vergleichen. Man denke hier nur an die Künstler des  "Blauen Reiters" oder an die in München lange ungeliebte Sammlung des Galeristen Otto van de Loo.

Verhindernd für neue Tendenzen in Kuba kommt noch hinzu, dass man sich angewöhnt hat, Geschäfte immer innerhalb der "Familie" abzuwickeln. Diese fatale Tendenz kann man in der ganzen Gesellschaft und in allen Lebensbereichen beobachten. Schuld daran ist die wirtschaftliche Notlage, die durch das Embargo der US - Amerikaner herbeigeführt wurde, aber nicht nur...!?
Es gibt also zwei Tendenzen, die möglicherweise eine normale innovative Entwicklung verhindern: Das ängstliche Festhalten am Tradierten, wenn es um den eigenen Vorteil geht, das damitverbundene Misstrauen anderen gegenüber ausserhalb der "Familie" und das vorschnelle übernehmen von Modernismen, die von aussen kommen und deshalb überbewertet werden.

Diese Ausstellung hat bewusst keine stilistische Richtung. Sie soll einen Überblick geben über eine Kunst, die bei uns und in Teilen auch nicht in Kuba bekannt ist. J u n g e  Kunst wird  in Kuba und auf der ganzen Welt von jungen u n d  von älteren Künstlern gemacht, deshalb "J u n g e  Szene Kuba".
Nicht selten kommt ein junger Künstler sehr alt daher, wenn er von seinen Vorbildern nicht ablassen kann oder sie kopiert.
Kuba hat aufgrund seiner politischen und geographischen Lage eine gute Chance noch eine Weile
authentisch und originär zu bleiben. Das Authentische ist nur dann bedroht, wenn kubanische Funktionäre zu viel reisen und sich im (kapitalistischen) Ausland zu oft in zu teure Restaurants einladen lassen.
Die kubanische Kunst ist im eigentlichen Sinne revolutionär u n d  traditionell. Die Studenten lernen
(in der Akademie San Alejandro) ihr Handwerk (Malerei). Sie verlassen die Akademie nicht als Autodidakten. Sie haben die Chance, an den erlernten Traditionen festzuhalten, oder sie - als Grundlage - hinter sich zu lassen. Der junge kubanische Kurator Piter Ortega riskierte die Ausstellung "Bomba" mit jungen unbekannten kubanischen Malern. Die Traditionalisten waren irritiert, Pedro Pablo Oliva, ein Maler der älteren Generation, begrüsste die Schau und fand sie gut. Sicherlich gab es in dieser Ausstellung erstaunlich viele, deutsche Vorbilder: Kippenberger ist kein schlechtes Vorbild, Asger Jorn und Oehlen sind auch keine schlechten Lehrmeister und über Beuys sich frei zu denken, ist in diesem Lande auch ein Vorteil.

Insgesamt gesehen war "Bomba" wichtig und vergleichbar mit der Ausstellung  "Rundschau Deutschland" mit den "Jungen Wilden" in München im Jahre 1981 in der Lothringer Str.13. Unter dem Titel "Bomba" koennte man sich den Untertitel "Wir sind da" vorstellen.
Junge Kunst war immer - wenn sie sich durchsetzen musste - agressiv und widerspenstig. Piter Ortega ist es auch. Einen Altkritiker beschimpfte er als Faschisten. Mutig in diesem Land und doch auch wichtig. Staub muss aufgewirbelt werden und man muss Einiges tun, damit er sich nicht wieder absetzt.

Diese Ausstellung hier in München soll Denkanstösse geben, sie s o l l  widersprüchlich sein. Einige junge Künstler wollten mit den "Alten" nichts zu tun haben. Trotzdem, oder gerade deshalb gibt es da Gemeinsamkeiten. Und um diese Gemeinsamkeiten herauszufinden und deutlich zu machen hängen sie nun nebeneinander. Nur so bildet sich etwas ab, zeigt sich etwas.

"Kunst" machen sollte immer etwas mit einem Experiment mit neuen Freiheiten zu tun haben.

München, Havanna, am 21.2. 2011

Siegfried Kaden
  Píter Ortega Núñez
Vorwort

Wer fürchtet den Wolf?

¿Quién le tiene miedo al lobo?
   
start